Das Märchen vom Multitasking

Multitasking ist ein verlockendes Konzept. Für viele Menschen gehört es zum Alltag, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. So scheint es zumindest.Tatsächlich schaffen wir dies manchmal auch problemlos, doch wir stoßen sehr schnell an unsere Grenzen. Unser Gehirn ist ein komplexer Muskel und wie jeden anderen Muskel können wir diesen auch trainieren, doch wie weit funktioniert es wirklich? Gerade die heutige Zeit ist schnelllebig. Durch das Internet haben sich viele neue Berufszweige aufgetan und die Arbeit am PC ist Alltag geworden. Oft sitzen wir vor unseren Bildschirmen und haben mehrere Seiten auf, zwischen denen wir hin- und herspringen. Eine E-Mail während des Meetings schreiben oder eine kurze WhatsApp-Nachricht verschicken, während wir mit dem Kollegen die nächsten Arbeitsschritte besprechen, ist keine Seltenheit mehr. Professionelles Multitasking im Alltag. Wir fühlen uns dadurch nicht nur schneller und produktiver, sondern auch besonders clever. Die Wahrheit ist allerdings eine ganz andere, denn so einfach, wie es scheint, ist es dann doch nicht.

Sprechen und Laufen geht gleichzeitig

Wir können automatisierte Prozesse wie Gehen und Gestikulieren parallel verarbeiten und mit anspruchsvollen Tätigkeiten kombinieren. Aber das passiert nur im Unterbewusstsein. Bewusstes paralleles Denken ist für das Großhirn viel zu anstrengend. Bei einer Tätigkeit, über die wir nicht nachdenken müssen, übernimmt das Kleinhirn die mühsame Rechenarbeit. Und dann ist es kein Problem. Wir können also mit Freunden joggen gehen und uns währenddessen unterhalten. Diese Tätigkeiten zu kombinieren stellt unser Gehirn vor keine große Herausforderung. Auf unser Kleinhirn ist Verlass! Diese Prozesse sind abgespeichert und wir rufen sie täglich automatisch auf, ohne große Anstrengung.

 

Anders sieht es jedoch aus, wenn wir uns mit komplexen Tätigkeiten beschäftigen. Multitasking eben! Unter “Task” versteht man in der Neurowissenschaft eine Aufgabe. Jede Aufgabe erfordert allerdings immer auch einen Aufmerksamkeitsprozess. Dabei müssen wir nachdenken und uns konzentrieren. Und für diesen Prozess müssen wir Teile unseres Großhirns benutzen. 

Multitasking ist schon anatomisch für das Gehirn ein Ding der Unmöglichkeit, erklärt Neurobiologe und Autor Henning Beck.

Was bedeutet dies also für uns?

Wenn wir ein Telefonat führen und dabei eine E-Mail lesen, dann macht es nur den Anschein, dass wir dies gleichzeitig machen. Die Wahrheit ist, dass wir diese Dinge abwechselnd machen, auch wenn wir dies bewusst nicht merken. Wir switchen blitzschnell zwischen unseren Aufgaben hin und her. Dies funktioniert allerdings auch nur bei zwei Aufgaben gleichzeitig, laut einer Studie französischer Forscher der Ecole Normale Supérieure in Paris aus dem Jahr 2010. Unterschiedliche Tätigkeiten aktivieren verschiedene Regionen in unserem Gehirn. Beim Autofahren gebrauchen wir unser Sehzentrum und das motorische Zentrum. Diese Regionen muss das Gehirn miteinander verkoppeln, um die Tätigkeit auszuführen. Wenn nun eine weitere Aufgabe hinzukommt, müssen dafür ein zweites Mal weitere Hirnregionen miteinander verknüpft werden. Diese zweite Vorkopplung entsteht jedoch deutlich langsamer und in der Regel immer erst nach der ersten. Es findet also alles nacheinander statt. Kurzum: Wir schalten zwischen zwei scheinbar parallel ablaufenden Handlungen hin und her und konzentrieren uns letztlich nur auf eine.

Wie bestimmt das Gehirn die Reihenfolge der Handlungen?

In erster Linie entscheidet unser Gehirn dies unbewusst. Es ist abhängig davon, was uns persönlich wichtig ist. Wenn wir uns bewusst auf eine Sache konzentrieren, wird diese Aufgabe zunächst priorisiert ausgeführt. Jedoch kann uns ein Telefonat oder eine Stimme im Hintergrund ablenken. Wenn wir nun von einem Kollegen erfahren, dass wir in zehn Minuten zum Chef geladen worden sind, wird diese Information unsere Aufmerksamkeit gänzlich in Anspruch nehmen. Diese Situation zeigt zudem deutlich, dass unsere Konzentration auch stark von unserer momentanen Verfassung abhängt. Fühlen wir uns müde oder krank, sind wir stärker beeinflussbar durch Informationen von außen, welche wiederum Einfluss auf die Priorisierung unserer Aufmerksamkeit haben.

Multitasking ist nicht zeitsparend und macht uns nicht leistungsstärker!

Produktiver und schneller möchten wir gerne sein und denken oftmals, dass dies mit Multitasking bestens funktioniert. Jedoch ist genau das Gegenteil der Fall. Wenn wir ständig zwischen mehreren Aufgaben hin- und herspringen, kostet das unser Gehirn viel Energie. Zudem machen wir keine Aufgabe wirklich richtig und es schleichen sich schnell viele Fehler ein. Multitasking ist also erwiesenermaßen ineffektiv. Eine Studie aus dem Jahr 2009 an der Stanford University bewies, dass Probanden, die regelmäßig mehrere Medien zur gleichen Zeit nutzten, bei Konzentrationsfragen mehr Fehler machten als die Kontrollgruppe, die dies nicht oder nur selten tat.

Fazit

Zwei Aufgaben zur gleichen Zeit können wir zwar tatsächlich ausführen, aber nur wenn es sich um kleine Aufgaben handelt, die wenig Denkarbeit und Konzentration bedürfen. Je komplexer Aufgaben werden, umso weniger wird es möglich, diese gleichzeitig auszuführen. Es schadet sogar dem Gehirn und bewirkt das Gegenteil von dem, was wir letztlich möchten. Wir werden nicht effizienter und leistungsfähiger, sondern machen mehr Fehler und vergeuden wertvolle Energie durch das Hin- und Herspringen. Multitasking klingt zwar super, aber es ist nicht alltagstauglich. Konzentrieren wir uns also bewusst auf eine Sache und machen diese richtig, bevor wir zur nächsten übergehen. Somit machen wir auch weniger Fehler und schaffen am Ende des Tages mehr.

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