Fotobuch

Philosopie über das Foto: Ist es Tot?

Das manipulierte Bild auf der Titelseite

Ein Bild ist die Imagination dessen, der es geschaffen hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für einen Text gilt das Gleiche, nur war der Text nie mit der metaphysischen Idee der „Objektivität“ aufgeladen: Man akzeptierte immer schon, daß der Text die Weltsicht des Betrachters ausdrückte. Dem Bild hingegen, zumal als es von der Stufe der hohen und reinen Kunst der Malerei in die „Niedrungen“ des Kunsthandwerks herabsank (id est: Photographie und Film) wurde fälschlicherweise immer mehr der Charakter einer „Technik“ zugeschrieben: Im Apparat entsteht das Bild durch die Wahl von Film, Blende, Zeit und Ausschnitt, mithin eine Technik, die jedem offensteht (weil sie billig wurde) und die jeder erlernen kann. Das mechanische Bild schuf die egalitäre Idee der Objektivität: Jeder kann photographieren, auch richtiges Photographieren kann man lernen und v.a. das dictum: Es gibt ein „Richtig“ in der Abbildung, den nüchternen Realismus. Die Heroisierung des Pressephotographen á la Capa, der mit dem dokumentarischen Blick und „unbestechlichen“ Auge seine Zeit und ihre Ereignisse festhält, war nur eine logische Folge, deren Nachwehen sich heute noch in der Verleihung des Erich-Salomon-Preises manifestieren.

Zwar ist die Geschichte der verheimlichten Photomontage zu Propagandazwecken und der Verkaufsförderung fast so alt wie die Photographie selbst, aber das Wissen um die Fälschbarkeit des Lichtbildes hat das kollektive Bewußtsein bis heute nicht erreicht:
Das liegt m.E. nicht an der ökonomischen Verfügbarkeit dieser Fälschungstechniken, denn Literatur und eine entsprechend ausgestattete Dunkelkammer waren schon seit den 50ern für viele erschwinglich, egal ob unter kommunistischer oder kapitalistischer Herrschaft. Aber das Wissen wurde negiert, das Ethos der Objektivität perpetuiert: Die, die um das „WIE“ und der Fälschung wußten und nicht aus propagandistischen Gründen an seiner Geheimhaltung interessiert waren, lehrten es dennoch nicht, da es dem eigenen Ethos widersprach.

Alles, was über das „Abwedeln“ eines unphotogenen Pickels hinausging, blieb im Giftschrank. Daß sich die Herrschenden schon damals häufig des manipulierten Bildes bedienten, blieb der Masse, pun intended, ausgeblendet. Diese Manipulationen konnten allerdings nur deswegen wirkmächtig werden, da exakt die gleichen Kräfte, die so manipulierten, im selben Moment öffentlich die Unbestechlichkeit und der Objektivität der photographischen Abbildung propagierten. So blieb der Mythos lange Zeit erhalten. Photobücher sprechen Bände davon. Siehe auch http://www.fotobuch-deutschland.org/.

Die letzten 10 Jahre haben allerdins die Reproduzierbarkeit des Bildes und seine v.a. seine Manipulierbarkeit nochmals stark vereinfacht: Nicht mehr nur die Werkzeuge sind in Form von Photoshop und schneller Rechner vorhanden, nein, es existieren darüberhinaus *einfache* Werkzeuge der Bildmanipulation (z.B. Kais‘ Power Tools) und Digitalkameras, die den Zwischenschritt von Entwicklung und Abzug einsparen: Es gibt heute mehr photographisch bildende Künstler, als vordem. Hinzu kommt die geographische und zeitliche Inflation des Bildes an sich: Durch die massive Verbreitung elektronischer Datennetze und die damit verbundene weltweite Parallelität und Verfügbarkeit des Bildes vergrößert sich der Kreis der Konsumenten erheblich.

Aber Inflation ist nur ein anderes Wort für Bedeutungslosigkeit. Das Bild, auch: das bewegte Bild; werden den Mythos der Objektivität bald restlos zerstört haben, ähnlich wie in der Literatur wird nur noch, die Imagination die Grenze sein, was ein Idividuum oder Kollektiv hier zu reproduzieren vermag. In gleichem Maße wie die Phantasie einziger limitierender Faktor der visuellen Darstellung wird, in dem Maße nimmt die öffentliche Wirkung ab. Das Bild ist entgültig diskreditiert. Da können sich jetzt die Postmodernisten, wie Derrida und Virilio, die „das ja schon immer gesagt haben“ einen drauf saufen gehen, weiterhelfen tut das nicht:

An einen Rückgriff auf den Text als Mittel und Medium der Aufklärung glaube ich nicht: zwar ist das Text offen subjektiv und beschönigt sich nicht, aber der Mensch ist ein Augentier, die Muster des Bildes sprechen die Instinkte unmittelbarer an, als der Text, dem immer noch der grammatische Plausibilitätsfilter vorgeschaltet ist. Weiterhin besitzt das Individuum einen solchen Plausibilitätsfilter für vielleicht maximal drei bis fünf Sprachen: Der Rest bleibt verschlossen. Selbst das einem Bild, dessen intendierte Metaphorik dem Betrachter verborgen bleibt, durchläuft den Prozess der Mustererkennung und Speicherung: Es wird dannach auch gedeutet, vielleicht anders als vom Photographen intendiert, aber es gechieht eben. Die Deutung unbekannter Schriftzeichen ist hingegen in Echtzeit und für das Individuum so gut wie gar nicht möglich.

Es bleibt die Unsicherheit, die letztlich nur durch nicht enttäuschtes Vertrauen abgebaut werden kann: Das was ich abgebildet sehe, muß mit dem was ich erfahre, übereinstimmen, mindestens aber muß ich mir die Sichtweise des bildenden Künstler zu eigen machen können, ich muß ihm wohlwollend verstehen wollen. In den derzeitigen Kapitalverhältnissen ist das m.E. nur äußerst begrenzt möglich. Letztendlich hilft nur das Wissen und das Bewußtsein, daß jedes Bild keine Abbildung der Realität ist in breite Bevölkerungsschichten hineinzutragen: Erst nach dem kompletten Vertrauensverlust in das Bild kann neu über seine Rolle verhandelt werden. Ich glaube, das nennt man Aufklärung.

mfG, yossarian

Lesetips: Husserl, Walter Benjamin, Photoshop Tutorial.
Nette Randerscheinung mag der verzweifelte Versuch bestimmter Journalisten sein, Manipulationen künftig kennzeichnen zu wollen, etwas woran sich natürlich niemand halten wird.

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